hipburn.de
Hipburn - hipburn.de
 
Lila Ponys, grüne Dinos, Piratenköpfe mit Augenklappen. Bunt, fröhlich und kinderfreundlich geht es in dem Oldenburger Schneideratelier zu. Die lustigen Motive warten - als Stoffballen lagernd - darauf, als außergewöhnliche Garderobe die Schneiderwerkstatt zu verlassen.

Inmitten der Stoffe sitzt Kerstin Thompson vor der surrenden Nähmaschine und schneidert eine Hose für ein gelähmtes Kind, dass nur noch im Rollstuhl sitzen kann.

Das ist ihre Profession, denn die Oldenburgerin ist Inhaberin der Firma 'reha-fashion'. Ein Unternehmen, das ausschließlich Garderobe nach Maß für schwerbehinderte Kinder und Jugendliche designt und vor Ort produziert. "Mode für besondere Menschen", erklärt die sympathische Geschäftsfrau lachend.



Erst zwei Jahre auf dem Markt, hat die engagierte Unternehmerin und Mutter bereits den niedersächsischen Gründerpreis gewonnen. Für heute hat sich sogar Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies angekündigt, um die innovative Geschäftsfrau im Rahmen seiner Sommerreise zu besuchen. Ein großer Tag also, wenn der Minister persönlich seine Wertschätzung zum Ausdruck bringt.





Doch bei allem Erfolg ist der Grund ihrer Firmengründung doch ein wenig traurig. Denn er ist der Schwerbehinderung ihres Sohnes Aaron geschuldet, für den sie – aufgrund seiner Einschränkungen – keine bedarfsgerechte schöne Kinderkleidung kaufen konnte.

"Das hat mich als Mutter sehr traurig gemacht, denn auch behinderte Kinder möchten sich wohlfühlen und stylische Kleidung tragen", erklärt die engagierte Niedersächsin. "Also habe ich meinen Sohn vermessen, bunte und modische Stoffe gekauft, mich an meine Ausbildung als Schneiderin erinnert und mich fortan an die Nähmaschine gesetzt".



Das hat sich herumgesprochen. Deutschlandweit. Europaweit. Mittlerweile näht Kerstin Thompson auf Bestellung und ihre Pakete mit maßgeschneidertem Inhalt verlassen fast täglich die Schneiderwerkstatt in alle Himmelsrichtungen, um kleine oder große 'besondere' Kunden mit fröhlich-bunter Kleidung zu erreichen.



Olaf Lies, niedersächsischer Minister für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr, nahm sich nach dem Besuch des Oldenburger Unternehmens gerne Zeit für ein Hipburn-Interview.

Hipburn Herr Minister, Sie selbst sind Vater von zwei Kindern. Inwiefern spielen auch persönliche Emotionen eine Rolle, wenn Sie, wie heute, eine Unternehmerin besuchen, die sich ausschließlich um behinderte Kinder kümmert?

Olaf Lies Ja, ich bin emotional tatsächlich sehr bewegt und beeindruckt von dieser engagierten Frau und Unternehmerin, die trotz persönlichem Schicksal mit ihrem behinderten Kind so kreativ und voller Tatendrang ist, optimistisch in die Zukunft schaut und viele neue Ideen hat. Das verdient meinen Respekt.

Hipburn Mit welchen Argumenten begeistern und überzeugen Sie Gründer und Startups, in Niedersachsen an den Start gehen und nicht in anderen Bundesländern?

Olaf Lies Niedersachsen ist ein attraktives Land für Gründer. Wichtig ist, dass wir die Menschen gezielt erreichen, um ihnen dieses zu vermitteln. Wir bieten die Unterstützung und Kompetenz der Kammern, der Verbände und der Hochschulen sowie spezielle Mikrostarterkredite, damit Gründer ohne große bürokratische Hürden und Hemmnisse an Kapital gelangen. Innovative Ideen werden in Niedersachsen gefördert. Wir sind als Land darauf angewiesen, Leute mit vielen Ideen zu haben. Diesen Innovations- und Erfindergeist brauchen wir dringend.

Hipburn Für welche wirtschaftlichen Branchen wünschen Sie sich in Niedersachsen eine größere und buntere Vielfalt? Wo ist noch Luft nach oben?

Olaf Lies Manchmal reduzieren wir uns selber. Niedersachsen, das Automobilland. Wir sind aber viel mehr. Zum Beispiel sind wir auch das Agrar- und Ernährungsland. Da steckt viel Kreativität drin. Im Thema Kreativwirtschaft wünsche ich mir deutlich mehr. Da haben wir viel Potenzial und ich sehe noch jede Menge Luft nach oben. Die Menschen möchten etwas Individuelles. Das ist eine Chance für Gründer. Insbesondere im Designbereich, im kulturellen, künstlerischen und Handwerksbereich.



Kerstin Thompson sitzt vor der surrenden Nähmaschine und gibt Hipburn Einblick in ihr Unternehmen und berichtet über Zukunftspläne.

Hipburn Frau Thompson, warum muss Kleidung für behinderte Kinder bzw. Rollstuhlkinder anders sein als herkömmliche Mode?

Kerstin Thompson Normale Hosen sind zu eng geschnitten. Dadurch kommt es zu Problemen mit Orthesen, Korsetts und Windeln. Auch rutschen die Windeln aus herkömmlichen Hosen, da der Bund zu tief sitzt. Rollstuhlkinder benötigen Hosen, die vorne im Leibbereich niedriger geschnitten sind und hinten höher. Sozusagen reine Sitzhosen, die auch ein längeres Bein haben.

Hipburn Welche Kleidungsstücke werden viel nachgefragt?

Kerstin Thompson Hosen, Rollstuhlhosen, Schlafsäcke und Halstücher mit Nässesperre werden sehr oft nachgefragt.

Hipburn Welche Farben bevorzugen die Mädchen?

Kerstin Thompson Rosa, Lila, oder ein frisches tolles Apfelgrün.

Hipburn ...und die Jungen?

Kerstin Thompson Eher Türkis, und Blau.

Hipburn Sie schneidern unter anderem Kleidung, die nur von vorne angezogen wird. Wie stelle ich mir das vor?

Kerstin Thompson Oberteile, die nur von vorne angezogen werden, sind praktisch für Menschen mit Armspastiken. Dann müssen sie sich nicht so arg verbiegen und verrenken und auch für die Pflegeperson ist es wesentlich leichter. Das Oberteil wird hinten mit einem Klett-oder Reißverschluß geschlossen.



Hipburn Können Interessierte Ihre Kleidung online kaufen?

Kerstin Thompson Ich verkaufe überwiegend nur über meinen Onlineshop. In dem befindet sich auch die Größentabelle. Für dieses Jahr plane ich noch ein Video, in dem ich genau zeige, wie man richtig Maß nimmt.

Hipburn Arbeiten Sie in Niedersachsen oder bundesweit mit Behinderteninstitutionen zusammen, um auf Ihre Dienstleistung aufmerksam zu machen?

Kerstin Thompson Zu meinen Kunden gehören neben Privatpersonen auch verschiedene Einrichtungen und Institutionen.

Hipburn Wo sehen Sie sich in fünf oder zehn Jahren?

Kerstin Thompson Mein Wunsch ist es, mich zu vergrößern. Gerne möchte ich Menschen eine berufliche Chance geben, die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt, nicht mehr vermittelbar sind. Das ist mein Ziel für die nächsten Jahre.

Fotos: Ulrike Fieback/Hipburn

www.reha-fashion.de


Beitrag von Ulrike Fieback  /  29. Juli 2016  /  Drucken  /  Fehler melden  /  Erschienen bei Hipburn / © hipburn.de
Hipburn twittert