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"Hier bin ich! Schaut mich an!" Selbstbewusst und mit sichtbarer Präsenz nehmen sie Kontakt mit dem Betrachter auf, um mit ihm zu kommunizieren. Mal fordern sie Nähe, dann wieder Distanz, mal entlocken sie Tränen, dann wieder ein Lachen. Begeistern tun sie immer: Die farbintensiven großflächigen Gemälde der erfolgreichen Künstlerin Annette Jellinghaus.



Die Kunstwerke verströmen eine einzigartige Aura und wie durch einen angenehmen Sog fühlt sich der Betrachter vom Charisma der Bilder angezogen. Ja, er versinkt und verliert sich regelrecht in ihnen und fühlt sich geradezu schwerelos. Die Welt, aus der er soeben gekommen ist, existiert nicht mehr. Jetzt zählt nur der Augenblick und die Interaktion mit dem Gemälde.



Das Atelier: Kreative 'Mal-Werkstatt'

Im westfälischen Gevelsberg hat die Künstlerin ein großes, lichtdurchflutetes Atelier, welches ruhig und idyllisch gelegen ist. Im Eingangsbereich zur Rechten wirken unzählige mannshohe Staffeleien wie ein freundliches Begrüßungskomitee, das für den ankommenden Gast Spalier steht. Gleich dahinter fällt der Blick auf Pinsel, Farbtöpfe und große Tische, die so wunderbar voller Farbkleckse sind, das sie schon allein für sich ein eigenständiges Kunstwerk darstellen.



Das kreative Zentrum dient nicht nur Annette Jellinghaus als Werkstätte, sondern auch interessierten Freizeitmalern, da die Künstlerin ganzjährig Mal- und Zeichenseminare sowie Workshops anbietet. "Gerne gebe ich auch Kinderkurse", so die engagierte Kunstschaffende. "Derzeit läuft ein gefördertes Kinderprogramm, welches Kindern mit und ohne Migrationshintergrund die Möglichkeit gibt, in meinem Atelier kreativ zu sein. Ziel ist, dass sie eigen bestimmt malen, zeichnen oder auch plastizieren können". Die Arbeit mit Jugendlichen macht der Künstlerin ebenfalls viel Freude, so dass derzeit die Idee zu einem neuen Projekt entsteht.



Die Nachmittagssonne fällt ins Atelier und taucht die weißen Wände in ein warmes Licht, die für ihre großformatigen Bilder somit eine beeindruckende Bühne darstellen. Durch ihre unübersehbare Präsenz wecken sie Interesse und ziehen den Betrachter sofort in ihren Bann.



Eine 'Farbsinfonie' springt ins Auge und fasziniert in den vorherrschenden Farben, Magenta, Koralle, kombiniert mit einem wunderbaren Grün. Unvermittelt stellt sich gute Laune ein und löst pure Glücksgefühle aus. Gleich daneben eine figürliche Arbeit, die die den Betrachter zusammenzucken lässt, da der Blick auf das unendlich traurige Gesicht eines Menschen gelenkt wird.



"Ich möchte Malerei spürbar machen"

"Mir ist bewusst, dass ich emotionale Reaktionen beim Betrachten der 'Eigenwelten-Bilder' auslöse", erklärt die Künstlerin. "Da das Malen aus meinem tiefsten Inneren kommt, bringe ich immens viele Gefühle in die Bilder ein. Sei es Freude, Lachen, Glück, aber auch Trauer, Enttäuschung, Abschied oder Tod".



Annette Jellinghaus beschäftigt sich maltechnisch intensiv mit Menschen, wie sich in ihren vielfältigen Arbeiten widerspiegelt. "Menschen sind mir wichtig. Daher nehme ich sie – insbesondere ihre Gesichter – bewusst wahr. Denn das Gesicht zeigt viel. Es kann lachen, aber es ist kein Lachen, es kann weinen, aber es ist kein Weinen, es kann Betroffenheit zeigen, es ist aber nicht betroffen".



Das bewusste Beobachten und Wahrnehmen der Menschen führt dazu, dass die Künstlerin die Gesichter nicht nur mit äußerlich sichtbaren Emotionen darstellt, sondern über die informellen Elemente auch die inneren Zustände deutlich werden lässt. Kritisch setzt sie sich auch mit gesellschaftlichen Geschehnissen und Veränderungen auseinander. Der Gedanke, wie gehen Menschen mit Menschen um und welche Folgen ergeben sich daraus, bewegt die Künstlerin sehr. Egoistisches, gedankenloses und verletzendes Verhalten arbeitet sie verstärkt in ihre Werke ein.



"An diesem Bild kommt keiner so schnell vorbei"

Bravourös versteht es die Künstlerin, auch ihre informelle Malerei emotional spürbar zu machen. Dynamik, Spannung und Bewegung sind wesentliche Bestandteile ihrer Arbeit. "Großformatig lassen sich diese - für mich wichtigen Elemente – besonders gut umsetzen", berichtet sie. "Ein großes Format drängt sich auf und nimmt seinen Platz ein". Es fällt auf, dass es in den Kunstwerken der Malerin ruhige Bereiche gibt, in denen der Betrachter verweilen kann. Zudem finden sich Wege. Wege, die durch das Bild führen. Immer aber gibt es einen Ein- und Ausgang. In ihre informellen Bilder arbeitet die Gevelsbergerin all das ein, was sie tatsächlich erlebt, fühlt und wahrnimmt.



Im Gegensatz zu ihren präsenten Bildern liebt die Künstlerin das Leben und Agieren im Hintergrund. "Ich bin gerne in Gesellschaft, suche aber nie den Mittelpunkt. Statt Gesprächsführerin zu sein, beobachte ich viel und intensiv". Ihr Ausdrucksmittel ist weniger die Sprache, vielmehr sind Leinwand, Papier, Pinsel und Farbe ihre bevorzugten Kommunikationswerkzeuge. "Wahrnehmen, verinnerlichen und transportieren", so der Dreiklang, den sich die zurückhaltende Kunstschaffende zu Eigen gemacht hat. "Mein Lebensauftrag ist es, Bilder zu malen, um mich dadurch mitzuteilen", so Jellinghaus.



Große Ereignisse werfen bekanntlich ihre 'Schatten voraus'. Schon als Kind konnte sich die Künstlerin für das Zeichnen begeistern. Dieser Begeisterung ist sie treu geblieben. Ob als Bauzeichnerin, ihrem Studium als Bauingenieurin oder in ihren Tätigkeiten als freie Mitarbeiterin in Architekturbüros.

Kindermalschule und Karriere

Letztlich waren es ihre Kinder, die den Stein des späteren Künstlerlebens ins Rollen brachten. Als in der Kindermalschule, die die 'Jellinghaus-Kinder' besuchten, erstmalig ein Kurs für Erwachsene angeboten wurde, stieg die selbstbewusste Westfälin ein und legte – rückwirkend betrachtet – damit den Grundstein zu ihrer Karriere. Kurze Zeit später übernahm sie sogar – neben Job, Hausfrau und Muttersein - in der Malschule eine Dozententätigkeit. "Manchmal hatte ich leise Zweifel, ob die Entscheidung richtig war", so die Kunstschaffende über ihre zahlreichen beruflichen und privaten Herausforderungen.



"Doch noch heute habe ich die drei entscheidenden Worte meines Mannes im Ohr", erinnert sich Jellinghaus schmunzelnd. "Du schaffst das!" Beflügelt durch so viel Motivation und familiäre Unterstützung hatte die Künstlerin somit den Freiraum, sich erstmals intensiv mit Kunst und Malerei auseinander zu setzen. Ihr Mann sollte recht behalten: Heute ist Annette Jellinghaus eine erfolgreiche Malerin im Bereich informeller und figürlicher Arbeiten mit zahlreichen Ausstellungen im In- und Ausland.



Hoher Anspruch an Kompetenz und Qualität

"Kompetenz und Qualität in der Malerei ist mir enorm wichtig", erklärt sie ihren hohen Anspruch. Deshalb hat die Künstlerin Seminare in der Kunstakademie Bad Reichenhall besucht. Unter anderem bei Elvira Bach und Bernd Zimmer, den Jungen Wilden der 1980ger Jahre. "Ein Déjà-vu hatte ich, als ich den Reichenhaller Kursraum von Stephan Geisler betrat. Da spürte ich deutlich: Hier passiert etwas, hier knistert die Luft. Seine Kunst und Kunstvermittlung waren außergewöhnlich!"



Im Leben gibt es keine Zufälle. So auch in der Begegnung mit Geisler. Denn Jellinghaus erfuhr, dass der Maler und Grafiker neben seiner Dozententätigkeit in unmittelbarer Wohnortnähe der Künstlerin sein Atelier hatte. "Bis Bergkamen ist es nur ein Katzensprung und so ergab es sich, dass ich drei Jahre lang seine Schülerin war", berichtet sie.

Abschied und Neubeginn

Doch alles im Leben ist temporär. 2008 verabschiedete sich Stephan Geisler bei der Künstlerin mit den Worten "Annette, ich kann Dir nichts mehr beibringen. Du hast das ganze Rüstzeug in Dir und musst Dich jetzt alleine auf den Weg machen". "Das war unser Abschied", erinnert sich die kreative Gevelsbergerin. "Gleichzeitig aber auch ein Neubeginn, der mein Leben in völlig neue und veränderte Bahnen lenkte. 2009 habe ich mich entschieden, hauptberuflich als Künstlerin zu arbeiten. Denn nur die Malerei gibt mir die Möglichkeit, mich in meinem eigenen Raum zu bewegen, Grenzen selber festzulegen oder auch immer wieder zu überschreiten. Diese grenzenlose kreative Arbeit hatte ich als Architektin nicht".



Symbiosen aus Dynamik und Sensibilität

Ihre prägnante Dynamik lebt die Künstlerin aus, in dem sie zeitgleich an mehreren Werken arbeitet. "Dann arbeite ich allerdings im selben Format. Entweder nur an kleinen Papierarbeiten oder an großflächigen Leinwänden. Mixen tue ich nicht". Jellinghaus, die sich von den Jahreszeiten beeinflussen lässt, malt im Winter anders als im Sommer, so dass die Bilder interessante unterschiedliche Farbigkeiten aufweisen.



"Sehr gerne arbeite ich auch auf Papier", erklärt sie und zeigt ihre farbgewaltigen Kunstwerke. "Mit intensiver Kraft kann ich Farben einbringen. Auf der anderen Seite gibt mir das Papier aber auch die Möglichkeit, filigran feine Linien zu zeichnen: Eine Symbiose aus Dynamik und Sensibilität".

Um mehr aus und über das Leben von Annette Jellinghaus zu erfahren, trifft sich Hipburn mit der Künstlerin in ihrem Gevelsberger Atelier. Auf einem knallroten Sofa inmitten der 'Malwerkstatt' nehmen wir Platz. Vor uns auf dem Tisch zwei Tassen mit duftendem Kaffee.



Hipburn Annette, was bedeutet Malen für Dich?

Annette Jellinghaus Malen ist mein Lebensinhalt und es macht mich grenzenlos glücklich.

Hipburn An welchem ungewöhnlichen Ort würdest Du gerne Deine Kunstwerke ausstellen?

Annette Jellinghaus In einem kubistischen Museum, wo immer das auch sein mag.

Hipburn Wann bist Du am kreativsten? Wann malst Du?

Annette Jellinghaus In der Regel solange es hell ist.

Hipburn Wie setzt Du Dich mit einem neuen Bild auseinander? Hast Du schon ganz konkrete Vorstellungen?

Annette Jellinghaus Wenn ich starte, habe ich keine genauen Vorstellungen. Ich lasse mich auf den Arbeitsprozess ein und kommuniziere ständig mit der Leinwand oder dem Papier. Dass heißt: Es ist ein wechselseitiges Beobachten. Ich bringe etwas auf die Leinwand, trete zurück und beobachte wieder. Schauen, umsetzen, schauen, beobachten, verändern. Es ist ein steter innerer Dialog.

Hipburn Wann und wie spürst Du, dass Du mit einem Bild fertig bist?

Annette Jellinghaus Wenn ich ein wunderschönes Glücksgefühl gepaart mit Herzklopfen verspüre.

Hipburn Malen macht glücklich, ist aber – wie Du selber sagst – manchmal auch kräftezehrend. Wie schaltest Du ab? Wie und wo erholst Du Dich?

Annette Jellinghaus Ich liebe das Meer. Ich liebe das Wasser. Ich bin ein absoluter 'Meermensch'. Wasser, insbesondere das Geräusch, fasziniert mich.

Hipburn Über welche Galerien sind Deine Kunstwerke zu beziehen?

Annette Jellinghaus  Ich arbeite mit der renommierten Galeristin Sabine Broekmann aus Krefeld zusammen.

Hipburn Welche Wünsche und Ziele hast Du für die Zukunft?

Annette Jellinghaus lacht... Malen, Malen, Malen... Mein Wunsch ist es, möglichst lange malen zu können, um Menschen etwas zu geben und um noch mehr Menschen mit meinen Werken – mit denen ich gelebtes Leben darstelle – zu erreichen. Liebe Annette, vielen Dank für das interessante Gespräch!

Fotos: Patrick Kirschhofer, Annette Jellinghaus

www.annette-jellinghaus.de
Beitrag von Ulrike Fieback  /  08. Mai 2017  /  Drucken  /  Fehler melden  /  Erschienen bei Hipburn / © hipburn.de
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